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2010-07-05
Text Mining in the
Digital Humanities
2010-07-05
at Kings College
26-29 Drury Lane
London
2010-07-05
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Teilprojekt 4.1: Atthidographen

Projektleiterin: Prof. Dr. Ch. Schubert
Alte Geschichte/ Historisches Seminar, Universität Leipzig


Unter Atthidographen versteht man eine Gruppe von Geschichtsschreibern, die athenische Lokalgeschichte geschrieben haben. Der Beginn wird i.d.R. mit der Atthis des Hellenaikos von Lesbos nach 407/6 v. Chr. angesetzt, das Ende mit der gleichnamigen Geschichte des Philochoros zu Beginn des 3. Jh.v.Chr. Charakteristisch ist die annalistische Form mit Jahresabschnitten und vorangestellten Archontennamen. Die z.T. sehr umfangreichen Lokalgeschichten sind allerdings vollständig verloren gegangen. Sie sind nur noch in Zitaten und Paraphrasen späterer Autoren überliefert. (vgl. [Jac03]). Seit 2005 sind Die Fragmente der griechischen Historiker” auch digital verfügbar (Brill, Leiden 2005).Seit September 2007 steht mit der Edition von Brill auch die Ausgabe der 15 Bände der Fragmente der Griechischen Historiker von Felix Jacoby (1923-1958) online zur Verfügung (online und CD-ROM).

Diese eher antiquarisch orientierten Atthides, die Mythos, Religion, Geschichte und Kultur, Literatur und Topographie Attikas zum Inhalt haben, sind eine wichtige Quelle für die Geschichte Athens, die ansonsten nicht so quellenreich ist, wenn man sich allein beispielsweise die Geschichte und Entwicklung Athens zur Demokratie anschaut. Die Atthidographen behandeln in der Regel die Zeit von den mythischen Anfängen bis hin zu ihrer eigenen Zeit. Insofern schmerzt der Verlust der Atthidographen sehr. Daher ist die con F. Jacoby herausgegebene Sammlung der Fragmente von unschätzbarem Wert.

An diesen Punkt setzt nun das Projekt Atthidographen an, das sich zum Ziel gesetzt hat, mit Hilfe der Verfahren des Textminig mehr Informationen zu den Atthidographen zu erlangen. Mit den bisher enwickelten Tools und den dazugehörigen digitalisierten Textcorpora ist es bereits jetzt problemlos möglich, die gesamte griechische Literatur nach den namentlich bekannten Atthidographen zu durchforsten, um eventuell noch weitere Fragmente oder Paraphrasen zu finden. Doch setzt diese Methode voraus, daß Zitate, Entlehnungen und Paraphrasen späterer Autoren aus den Atthidographen auch namentlich als solche gekennzeichnet wurden. Da diese Kenntlichmachung generell nicht den Gepflogenheiten antiker Historiographen und anderer Schriftsteller entspricht, wäre die Identifizierung solcher Zitate, Entlehnungen und Paraphrasen ein Verfahren extremer Aufwendigkeit, das dazu noch mit großen Unsicherheiten verbunden ist (vgl. zu diesem Problem auch Teilprojekt 4.2).

Zunächst kann man über einen Vergleich der bisher erhaltenen und der den Atthidographen zugeschriebenen Texte mit dem Gesamtcorpus der griechischen Literatur mit Hilfe von Textmining erkennen, ob es noch weitere Autoren und Texte gibt, die die bereits identifizierten Texte zitieren, paraphrasieren oder auf sie anspielen.

In einem zweiten Schritt sind die bisher gewonnenen Kriterien für Atthidographen zu erfassen, zu ordnen, zu klassifizieren und damit das Gesamtcorpus der griechischen Texte mit Textmining zu bearbeiten, um zu ermitteln, ob eventuell weitere Texte und Textpassagen als Atthidographen zu identifizieren sind, die bisher als solche noch nicht erkannt worden sind. Als Hilfsmittel dazu können zum einen Lexika mit Personennamen und Ortsnamen dienen sowie Lexika mit Lemmata zur athenischen Geschichte.

Auf diese Weise ist voraussichtlichein größeres Textcorpus für die Atthidographen zu gewinnen, das dann Ausgangspunkt für weitere Forschungen sein kann. Die bei diesem Teilprojekt zu entwickelnden Methoden könnten für andere ebenfalls nur fragmentarisch erhaltenen Autoren genutzt werden

Anhand der derzeitigen Funktionalität (vgl. [BS07]) des Projektes ”Wortschatz” der Informatik an der Universität Leipzig, die bereits eine akutelle Weiterentwicklung der ursprünglichen Seite (vgl. [Sch07]) darstellt, ist eine Suche möglich, die wesentlich schneller auf Anhaltspunkte für inhaltliche Indikatoren führt als dies bei der herkömmlichen Wortlistensuche (einfache oder Bool'sche Suche) der Fall ist. Weiterhin wird bereits über die Verbindung mit den angezeigten Kookkurenzen eine inhaltliche Dimension erschlossen, die bisherige Suchverfahren nicht aufweisen.

Am Beispiel des hier ausgedruckten Ergebnisses zu antipoliteuesthai (jemandes politischer Gegner sein) in Verbindung mit dem Namen des attischen Politikers Perikles (5. Jh.v.Chr.) und des Atthidographen Androtion wird bereits aus der graphischen Darstellung deutlich, daß es eine Überlieferung gibt, die insbesondere den politischen Überlebenskampf des Perikles in den Vordergrund stellt. Dies stimmt mit dem gesicherten Wissen über Perikles aus anderen Quellen überein, die den Ostrakismos (Verbannung auf 10 Jahre), den Perikles 444/3 v. Chr. gegen seinen Kontrahenten Thukydides Melesiou zu bestehen hatte, als den eigentlichen Wendepunkt seiner politischen Laufbahn darstellt. Eine Überprüfung der Stellen im originalen Kontext der Atthidographen-Überlieferung (Androtion, Philochoros) zeigt, daß dies nicht nur bei Androtion, sondern auch bei den anderen Atthidographen thematisiert wurde (vgl. dazu Ch.Schubert, Perikles und Thukydides, Sohn des Melesias: Der Kampf um die politische Vorherrschaft als Ausdruck konkurrierender Konzepte, erscheint in Museum Helveticum).

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