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Teilprojekt 4.2: Die Rezeption des Platon-Texts in der Antike

Projektleiter: Prof. Dr. K. Sier
Institut für Klassische Philologie und Komparatistik, Universität Leipzig


„Users of this or any edition are warned that the textual variants presented by citations from Plato in later literature are not yet as fully investigated as is desirable”. Der von Kenneth Dover (Plato. Symposium, Cambridge 1980, vii) bezeichnete Mißstand besteht nach wie vor, und er wird sich mit den traditionellen Rechercheverfahren auch nicht so schnell beheben lassen. Zwar ist die Feststellung der indirekten Platon-Überlieferung, d. h. die Sammlung der Zitate und ,wörtlichen Paraphrasen’ platonischer Stellen in der späteren Literatur, eine für das Verständnis der Geschichte des Texts und für seine Herstellung unerläßliche Voraussetzung, die die gründliche Aufarbeitung der direkten handschriftlichen Überlieferung (die in den letzten Jahrzehnten neu in Angriff genommen wurde) flankieren muß. Doch die Widerstände, die Platons ungemessener Einfluß auf das antike Schrifttum einem solchen Unternehmen entgegensetzt, sind in der Tat beträchtlich, und von der Realisierung des eigentlich Selbstverständlichen sind wir noch weit entfernt. Symptomatisch erscheint der Fall der Politeia, des einzigen Dialogs, für den man bisher überhaupt so etwas wie eine vollständige Erfassung der Sekundärüberlieferung versucht hat. So eindrucksvoll die Testimonienliste sich ausnimmt, die G. J. Boter auf 86 engbedruckten Seiten erstellt hat (The Textual Tradition of Plato’s Republic, Leiden 1989, 290-376), erklärt doch S. R. Slings, der Herausgeber des neuen Oxford-Texts (2003), er habe ,gar nicht so selten’ (non ita raro) Zeugnisse gefunden, die Boter übersehen habe, und die Vermutung scheint nicht abwegig, daß ein weiterer Editor weitere für die constitutio textus relevante Zeugnisse ausfindig machen würde, die auch Slings übersehen hat. Was für die Politeia gilt, gilt in noch weit höherem Grad für das übrige platonische Œuvre, insbesondere für so wirkungsmächtige Werke wie Timaios, Symposion, Phaidon oder Gorgias, bei denen die systematische Sammlung und Auswertung der Testimonien ein wirkliches Forschungsdesiderat darstellt. Eine Anwendung des Text-Mining- Verfahrens (TMV), die die platonischen Werke zum Referenzcorpus der gesamten nachplatonischen griechischen Literatur (evtl. bis in byzantinische Zeit) macht, eröffnet hier ganz neue Möglichkeiten und verspricht die Lösung eines ebenso alten wie dringlichen Problems.

Natürlich lesen wir Platon nicht in erster Linie, um Textkritik zu treiben, und die Spuren seiner Nachwirkung sind für uns vor allem unter einem geistes- und philosophiegeschichtlichen Aspekt von Interesse. Das TMV wird uns einen Thesaurus an die Hand geben, der einerseits die Verfolgung der philosophischen Traditionen und Filiationen, andererseits die Erforschung der Modi, nach denen das Platonische und der Platonismus über die eigentliche Philosophie hinaus zu dem vielleicht wirkungsmächtigsten Faktor antiker paideia (,Bildung’) geworden ist, auf eine neue Grundlage stellen wird.

In technischer Hinsicht ambitionierter ist eine zweite Zielsetzung. Die Schriften Plutarchs z. B. sind voll von platonischen Reminiszenzen, aber sie sind zugleich auf den Gebildeten berechnet, der keiner wörtlichen Übereinstimmungen bedarf, um die Bezugnahme zu erkennen, sondern u. U. gerade die Variation, die abweichende Wortwahl oder die Neukombination vorgegebener Elemente zu goutieren weiß. Zur Erfassung dieser sozusagen unter der Textoberfläche verlaufenden Beziehungen wird das TMV konzeptionell so ausgestattet sein müssen, daß bei der Recherche auch Synonyme, angrenzende Termini und äquivalente oder kombinierbare Elemente im Corpus Platonicum selbst Berücksichtigung finden. Mit Hilfe der in AP 3.3-8 entwickelten Werkzeuge, vor allem von AP 3.8 (,Berechnung eines Textprofils’), sollen Such- und Analysekriterien für indirekte Zitate und nicht-wörtliche Paraphrasen erarbeitet werden, um auch Texte identifizieren zu können, in denen auf die platonischen Schriften nur angespielt wird.
Für AP 5.1 und 5.2 ist die Publikation eines annotierten Corpus der ’Zeugnisse der antiken Platon- Rezeption’ (in dem erläuterten Sinn) vorgesehen.

Das Teilprojekt 4.2 bildet ein Pendant zu 4.1 („Atthidographen”). Wenn die Ausgangslage bei beiden auch geradezu konträr aussieht – im einen Fall soll das TMV dem fragmentarischen Charakter der Überlieferung, im anderen einem embarras de richesse begegnen –, ist doch der methodische Zugriff auf das in den Textcorpora verfügbare Material beidemal der gleiche. Die Alte Geschichte und die Gräzistik an der Universität Leipzig wollen versuchen, aus diesem gemeinsamen Interesse im interdisziplinären Austausch einen ,Synergie-Effekt’ zu erzielen.


Universität Leipzig
BMBF
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