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2010-09-27
GI Jahrestagung
27.09.2010 - 1.10.2010
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2010-09-27
GI Jahrestagung
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Teilprojekt 4.5: Inschriften

Projektleiter: Prof. Dr. B. Meißner
Alte Geschichte/ Institut für Geschichte , Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr



Ziel des Projektes ist die automatische und halbautomatische Analyse der Inschriften zu Sklavenfreilassung und Sklavenfreilassungsdokumente mittels der Text Mining Werkzeuge aus AP 3.3.-8.Ausgangslage: Die Sklaverei stellt einen der scheinbar am besten bekannten, verbreitetsten, überall und in allen Epochen der Antike bis in die christliche Zeit hinein scheinbar in ähnlicher Form anzutreffenden Rechtsstatus dar. In wirtschaftlicher, sozialer und rechtshistorischer Hinsicht hat man das Altertum daher als mehr oder weniger deutlich geprägt durch die Sklaverei betrachtet: Der historische Materialismus sah in diesem Rechtsinstitut eines der Hemmnisse der wirtschaftlich- sozialen Entwicklung der Antike, während auf der anderen Seite die Bedeutung der Sklaverei relativierend oder als sich wandelnd beschrieben wurde.

Eine der Begleiterscheinungen der Institution der Sklaverei waren Formen, diesen Rechtsstatus überhaupt oder wieder zu verlassen: Die Freilassung von Sklaven gehört zu den regelmäßig begegnenden Phänomenen der Geschichte der antiken Sklaverei. Sie gehört auch zu den quantitativ besser dokumentierten Aspekten der antiken Sklaverei: Während wir über Vorgänge der Versklavung selten informiert sind, und wenn, dann meist in summarischer Form aus kriegerischem Anlaß o.ä., existieren Dokumente, die über die Freilassung von Sklaven berichten, in großer Zahl. Solche Freilassungen sind etwa dokumentiert auf inschriftlichen Texten, wie sie in Heiligtümern zur Sicherung des Freilassungserfolges auch gegenüber Hinterbliebenen, Erben usw. niedergelegt wurden; es gibt Papyrusurkunden, zu denen auch Dokumente gehören, die die weitere Dienstleistung des Freizulassenden bis zum Tode des Freilassers oder bis zu einem anderen Zeitpunkt gehören (paramone); daneben gibt es listenartige Texte über den Rechtstatus von Personen und dessen Änderung usw.Freilassungsdokumente bieten sich aufgrund ihrer vergleichsweise großen Zahl für eine auch statistische Interpretation an, und derartige Untersuchungen sind auch vorgelegt worden, insbesondere um Wandlungen, regionale Differenzierungen und die Vielfalt des Freilassungsverhaltens und damit auch der Rolle und Bedeutung der Sklaverei nachzuzeichnen und zu verstehen. In den 90er Jahren hat Elizabeth Meyer boiotische Freilassungsurkunden gesammelt, um eine statistische Übersicht zu gewinnen und um zu erproben, inwiefern eine statistische Auswertung ihres Gehaltes das Verständnis der Institution weiterbringt (vgl. [Mey96]). Ein sich abzeichnendes Ergebnis der Arbeiten von Meyer ist die Erwartung, daß die Entwicklung der Skaverei viel weniger einheitlich verlaufen, die Bedeutung der Sklaverei nach Zeit und Ort viel unterschiedlicher gewesen zu sein scheint, als dies gemeinhin angenommen wird.

Die sich andeutenden Ergebnisse einer solchen differenzierenden, statistisch vorgehenden Betrachtungsweise, entsprechen dem, was seit 1950 in den Arbeiten von Joseph Vogt, Heinz Bellen und (seit 2002) Heinz Heinen im Projekt zur antiken Sklaverei der Mainzer Akademie erarbeitet wurde (http://www.adwmainz.de/2005/vorhaben/forschweb.htm). Für jede Arbeit zur antiken Sklaverei grundlegend ist insbesondere die dort zusammengestellte und laufend aktualisierte Bibliographie zur antiken Sklaverei (Forschungen zur antiken Sklaverei Beih. 4, hsg. v. H. Bellen u. H.Heinen, neub. v. D.Schäfer u. J.Deißler, 2003, mit update http://www.adwmainz.de/2005/vorhaben/as/bibl1-2004.pdf).

Vorhaben:
Das dokumentarische Material, das insbesondere in den Freilassungsurkunden des Apollonheiligtums von Delphi reichhaltig vorliegt, besteht aus in vielerlei Hinsicht stereotypen, jedoch formularmäßig variierenden Texten. Diese Formelhaftigkeit haben Freilassungsurkunden mit vielen anderen Gebrauchstexten gemeinsam, und wie die meisten dispositiven oder korroborativen Urkunden im Gegensatz zur Fragebögen oder Listen setzt die Variabilität der Formelelemente andererseits einer einfachen automatischen Auswertung der Urkunden hinsichtlich ihres Gehaltes Grenzen: Freilasser, Freigelassener, dessen ggf. existierende Angehörige, Preis oder andere Bedingungen der Freilassung, Termine usw. werden ggf. genannt, doch nicht in allen Fällen auf dieselbe Art und nicht immer in derselben Reihenfolge. Gleichwohl liegt eine große Regelhaftigkeit im Formular dieser Texte, und diese trifft sich ebenso in inschriftlich dokumentierten Freilassungsurkunden wie in Papyri aus Ägypten.Statistisch hat man diese Texte bisher immer erst ausgewertet auf eine detaillierte Lektüre der Texte hin.

Durchführung:
Das hier beantragte Vorhaben besteht darin, Techniken der Mustererkennung (pattern matching) auf Freilassungsurkunden anzuwenden, um für das Sklavereiverhältnis und die Freilassung entscheidende und regelmäßig wiederkehrende Informationen der Texte aus diesen automatisch oder halbautomatisch zu extrahieren. Dadurch sollen zwei Ziele erreicht werden: 1 Die Auswertung kann schneller erfolgen und ggf. flexibler bei einer Änderung von Fragen und Gesichtspunkten auf das gesamte Quellenmaterial erstrecken. 2 Die Auswertung läßt sich computergestützt irrtumssicherer gestalten, wenn passende patterns, ggf durch Versuch und Irrtum, gefunden und Techniken zu ihrer Formulierung erarbeitet sind. Als Fernziel kann eine solche Studie ein Vorbild sein für weitergehende Unternehmungen, die die nicht eben kleine Zahl formelhaft gestalteter Texte auszuwerten unternehmen (Listen, Verzeichnisse, Rechtstexte usw.)

Verfügbarkeit von Texten:
Eine große Zahl der hier interessierenden Texte liegt bereits in elektronischer Form vor. Das Packard Humanities Institute hat seinerzeit die von der Duke University zusammengestellte Datenbank dokumentarischer Papyri in beta code Form auf einer CD vertrieben; diese Duke Database of Greek Documentary Papyri steht mittlerweile in aktualisierter Form im Internet bereit. Beide Sammlungen folgen etwas unterschiedlichen Konventionen bei der Codierung der Texte; daher ist zunächst eine Vereinheitlichung vorzunehmen, wahrscheinlich eine Konversion nach UTF-8 oder UTF-16. Das Packard Humanities Institute hat außerdem eine CD vertrieben, die inschriftliche Texte in großer Zahl bereit stellt; darauf finden sich beispielsweise die delphischen Freilassungsurkunden, wenn auch wiedergegeben nach einer alten, nicht über jeden Zweifel erhabenen Ausgabe; aktualisierte Versionen dieser inschriftlichen Texte finden sich ebenfalls auf der WWW- Seite des Packard Humanities Institute, wenn auch wiederum in anderer, gegenüber den Papyri abweichender Fassung des beta code. Dies macht eine Konvertierroutine einmal mehr zu einem dringenden, jeder Arbeit vorausgehenden Desiderat. Andererseits besteht in der prinzipiellen Abgeschlossenheit, wenn auch Unüberschaubarkeit des Marterials eine hervorragende Voraussetzung dafür, am Beispiel von Freilassungsurkunden Techniken des pattern matching zur automatischen Extraktion der relevanten Daten aus vorstrukturierten formelhaften Texten zu erproben.


Universität Leipzig
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